Boot & Wasser

Ein Anker hält nicht durch sein Gewicht, sondern durch den flachen Zugwinkel. Je mehr Kette am Grund liegt, desto flacher zieht sie – deshalb rechnet man mit einem Vielfachen der Tiefe statt mit einem festen Wert.

Zu steckender Vorlauf
— m

So wird gerechnet

Gerechnet wird ab der Ankerrolle bis zum Grund: Wassertiefe plus Höhe des Bugs über Wasser plus erwarteter Tidenhub. Diese Gesamttiefe wird mit dem Faktor für Material und Wetterlage multipliziert. Kette wirkt durch ihr Eigengewicht und braucht weniger Vorlauf als eine Leine.

Die Faktoren sind gängige seemännische Faustwerte. Grund, Bewuchs, Ankertyp und Schwell können mehr Vorlauf erfordern – im Zweifel großzügiger stecken.

Hintergrund

Bei 3 m Wasser sind 5:1 in Wahrheit 3,75:1

Der Rechner oben multipliziert den Faktor nicht mit der Wassertiefe, sondern mit dem Abstand von der Ankerrolle bis zum Grund. Wer stattdessen die schlichte Tiefe nimmt, steckt bei 3 m Wasser und 1 m Bughöhe 15 m statt 20 m — und liegt damit unter dem Faktor, den dasselbe Modul für die ruhigste Lage ansetzt. Der Zuschlag kostet dabei immer dieselbe Zahl Meter, egal wie tief das Wasser ist.

Von Matthias Dührkop · Stand

Grundlage: BSH · BSH · alle Quellen

Die Rechengröße ist eine Höhe, keine Tiefe

Ein Anker hält nicht, weil er schwer ist, sondern weil die Kette flach an ihm zieht. Der Vorlauf wird deshalb als Vielfaches gesteckt — und bei der Frage, wovon das Vielfache genommen wird, gehen die verbreitete Kurzformel und der Rechner oben auseinander. Umgangssprachlich heißt es „das Fünffache der Wassertiefe“. Das Modul hinter dem Formular rechnet anders: Es addiert erst Wassertiefe, Höhe der Ankerrolle über Wasser und erwarteten Anstieg bis Hochwasser zu einer Rechentiefe und multipliziert dann.

Das ist kein Detail. Die Kette beginnt nicht an der Wasseroberfläche, sondern an der Rolle am Bug. Der Schenkel, dessen Winkel man flach halten will, reicht von dort bis zum Anker. Bei 3 m Wasser und einer Rolle 1 m über der Oberfläche sind das 4 m — ein Drittel mehr als die Tiefe, die das Echolot anzeigt.

Was der Unterschied in Metern kostet

Die folgende Tabelle stellt beides gegenüber. „Ab Wasserlinie“ ist dasselbe Modul mit Bughöhe null, also die Zahl, die herauskommt, wenn jemand den Faktor 5 auf die blanke Wassertiefe anwendet. „Ab Ankerrolle“ ist das Ergebnis des Rechners. Die letzte Spalte sagt, welches Verhältnis der so gesteckte Vorlauf, gemessen an der wirklichen Höhe, tatsächlich noch liefert.

Kettenvorlauf ab Wasserlinie und ab Ankerrolle, Kette bei Wind bis etwa 5 Bft, Ankerrolle 1 m über Wasser
Wassertiefe Ab Wasserlinie Ab Ankerrolle Fehlend Wirkt wie
2 m 10 m 15 m 5 m 3,33:1
3 m 15 m 20 m 5 m 3,75:1
4 m 20 m 25 m 5 m 4:1
5 m 25 m 30 m 5 m 4,17:1
8 m 40 m 45 m 5 m 4,44:1
10 m 50 m 55 m 5 m 4,55:1
15 m 75 m 80 m 5 m 4,69:1
20 m 100 m 105 m 5 m 4,76:1

Die Spalte ganz rechts ist der eigentliche Befund. Wer im Flachwasser „fünf zu eins“ sagt und dabei die Wassertiefe meint, liegt bei 3 m real bei 3,75:1 — unter 4:1, dem Faktor, den dasselbe Modul für die ruhigste Lage in einer geschützten Bucht ansetzt. Bei 2 m Wasser sind es noch 3,33:1. Die Grenze lässt sich genau angeben: Erst ab 4 m Wassertiefe erreicht der ab Wasserlinie gesteckte Vorlauf wenigstens noch den Ruhigwetter-Faktor. Darunter steckt man bei mäßigem Wind weniger, als der Rechner für die geschützte Bucht verlangen würde.

Der Zuschlag hängt nicht von der Tiefe ab

Der zweite Teil der Rechnung ist der, der an Bord am meisten überrascht: Die zusätzlichen Meter, die der Bug kostet, sind über alle Tiefen dieselben. Das folgt direkt aus der Multiplikation — Faktor mal Summe ist Faktor mal Tiefe plus Faktor mal Bughöhe. Der zweite Summand kennt die Tiefe nicht. Ein Meter Bughöhe kostet also in 2 m Wasser dieselbe Kette wie in 20 m:

Zusätzlich zu steckender Vorlauf je 1 m Höhe der Ankerrolle über Wasser
Rode Wetterlage Faktor Zuschlag je 1 m
Kette Ruhig, geschützte Bucht 4 4 m
Kette Wind bis etwa 5 Bft 5 5 m
Kette Starkwind bis Sturm 7 7 m
Leine mit Kettenvorlauf Ruhig, geschützte Bucht 6 6 m
Leine mit Kettenvorlauf Wind bis etwa 5 Bft 7 7 m
Leine mit Kettenvorlauf Starkwind bis Sturm 10 10 m

Der Prüfcode zu diesem Artikel rechnet diese Gleichheit für jede Tiefe der ersten Tabelle einzeln nach; weicht auch nur ein Wert ab, scheitert der Build. Bemerkenswert ist die Größenordnung in der Sturmzeile: Bei Starkwind verlangt 1 m Bughöhe 7 m zusätzliche Kette — mehr, als das Wasser in unserem Flachwasserbeispiel tief ist. Mit Leine statt Kette sind es 10 m.

Ab wann man den Zuschlag vergessen darf

Weil die Zusatzmeter fest sind und der Grundbetrag mit der Tiefe wächst, schrumpft der Anteil des Zuschlags wie eine Hyperbel: Er beträgt schlicht Bughöhe geteilt durch Wassertiefe. Nach der Tiefe aufgelöst ergibt das eine kurze Tabelle:

Wassertiefe, ab der der Zuschlag für 1 m Bughöhe unter den genannten Anteil fällt
Anteil des Zuschlags ab Wassertiefe Ab Wasserlinie wirkt wie
unter 20 % 5 m 4,17:1
unter 10 % 10 m 4,55:1
unter 5 % 20 m 4,76:1
unter 2 % 50 m 4,90:1

Auf 10 % fällt der Zuschlag erst bei 10 m Wasser, auf 5 % erst bei 20 m. Ankerplätze in dieser Tiefe sind für Sportboote die Ausnahme; die Eingabefelder oben sind mit 5 m vorbelegt. Anders gesagt: In dem Tiefenbereich, in dem tatsächlich geankert wird, ist der Zuschlag nie vernachlässigbar. Er verschwindet genau dort, wo man ohnehin nicht ankert.

Mit Tide kippt die Rechnung vollends

Das dritte Eingabefeld addiert den erwarteten Anstieg bis Hochwasser. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie gibt den Tidenhub an der deutschen Nordseeküste mit ungefähr einem Meter bis über vier Metern an; der genaue Wert hängt vom Ort ab und steht in den Gezeitentafeln. Rechnen wir mit 3 m — eine Zahl aus diesem Band, kein Wert für einen bestimmten Ort.

Aus 3 m gemessener Tiefe werden dann 7 m Rechentiefe: das 2,33-Fache dessen, was das Echolot beim Ankern anzeigte. Der Rechner verlangt 35 m. Wer 15 m steckt, weil er den Faktor 5 auf die gemessene Tiefe angewendet hat, liegt bei Hochwasser real bei 2,14:1 — nicht einmal mehr halb so viel wie der Faktor, den er zu stecken glaubte, und weit unter jedem Wert, den das Modul für irgendeine Wetterlage ansetzt.

Dieselbe Richtung, nur kleiner: Kartentiefen sind nicht die Tiefe zum Zeitpunkt des Ankerns. Sie beziehen sich auf das Seekartennull, das in den Karten des BSH seit 2013 auf dem niedrigsten astronomisch möglichen Gezeitenwasserstand liegt. Die wirkliche Tiefe ist deshalb meist größer als die gedruckte — ein Sicherheitspolster gegen Grundberührung, aber eben auch eine Größe, die man nicht ungeprüft als Wassertiefe in ein Formular tippt. Wie viel ein Echolot vom Geber bis zur Oberfläche hinzurechnet, hängt zusätzlich von seiner Konfiguration ab; belastbar quantifizieren lässt sich das hier nicht.

Was der Schwojkreis von alldem übrig lässt

Der Rechner nennt unter dem Ergebnis einen Schwojkreis in Höhe des gesteckten Vorlaufs, plus Bootslänge. Geometrisch ist das eine Vereinfachung: Selbst straff gespannt reicht die Kette waagerecht nur so weit, wie die Wurzel aus dem Quadrat des Vorlaufs minus dem Quadrat der Rechentiefe — sie steigt ja vom Grund zur Bugrolle an. Im Flachwasserfall sind das 19,60 m statt 20 m, ein Unterschied von 0,40 m.

Der relative Abstand hängt dabei allein vom Faktor ab, nicht von der Tiefe: Er beträgt bei Faktor 5 rund 2,0 % — in 2 m Wasser wie in 20 m. Die Vereinfachung im Rechner liegt damit auf der sicheren Seite und ist klein gegen die Effekte, um die es in diesem Text geht. Real liegt der Vorlauf ohnehin in einer Kurve am Grund, der Schwojradius fällt also noch kleiner aus. Die Bootslänge, die oben separat genannt wird, überwiegt diesen Unterschied bei weitem.

Was die Rechnung nicht leistet

Die Faktoren selbst sind das schwächste Glied der Kette, und die Seite sagt das oben auch: Es sind seemännische Faustwerte, keine Normvorgaben. Grund, Ankertyp, Bewuchs und Schwell gehen in keine der hier gezeigten Zahlen ein. Nichts an diesem Text ist deshalb eine Aussage darüber, ob ein bestimmter Ankerplatz hält.

Belastbar ist nur die Struktur — und die ist eindeutig. Der Zuschlag aus Bughöhe und Tide ist keine Feinheit für den Nachkommabereich. Er ist in Metern konstant, in Prozent umgekehrt proportional zur Tiefe, und er trifft dadurch ausgerechnet die flachen Ankerplätze am härtesten, auf denen der absolute Kettenbedarf klein und die Zahl im Kopf deshalb am schnellsten gebildet ist. Wer den Faktor auf das anwendet, was das Echolot zeigt, hat nicht ein bisschen zu wenig gesteckt, sondern liegt bei 3 m Wasser und 3 m Tidenhub bei 2,14:1 statt 5:1 — bei weniger als der Hälfte.

Häufige Fragen

Warum zählt die Bughöhe mit?

Weil die Kette nicht an der Wasseroberfläche beginnt, sondern an der Ankerrolle am Bug. Gemeint ist deren Höhe über Wasser, nicht der Freibord – die Rolle sitzt über Deck und damit höher. Liegt sie einen Meter über Wasser, ist die zu überbrückende Höhe einen Meter größer als die Wassertiefe; bei fünf Metern Tiefe sind das 20 Prozent.

Wie berücksichtige ich die Tide?

Gerechnet wird immer für den höchsten zu erwartenden Wasserstand, nicht für den beim Ankern gemessenen. Wer bei Niedrigwasser ankert und den Tidenhub vergisst, hat bei Hochwasser plötzlich deutlich zu wenig Vorlauf gesteckt.

Kette oder Leine – was ist besser?

Kette wirkt durch ihr Eigengewicht: Sie hängt in einer Kurve durch und zieht dadurch flach am Anker. Eine Leine steht im Wasser nahezu gerade und braucht deshalb deutlich mehr Vorlauf für denselben Zugwinkel. Ein Kettenvorlauf von einigen Metern vor der Leine verbessert die Wirkung erheblich.

Was ist der Schwojkreis?

Der Kreis, in dem das Boot um seinen Anker treibt, wenn Wind oder Strom drehen. Sein Radius bleibt etwas unter dem gesteckten Vorlauf plus Bootslänge, weil die Kette vom Grund zur Bugrolle ansteigt und waagerecht deshalb weniger weit reicht. Vorlauf plus Bootslänge ist damit eine Obergrenze – als Planungsmaß auf der sicheren Seite. Beim Ankerplatz muss dieser Kreis frei von anderen Booten, Untiefen und Ufer sein.

Reicht mehr Kette immer?

Mehr Vorlauf verbessert den Zugwinkel, vergrößert aber auch den Schwojkreis. In engen Buchten mit vielen Booten ist das der begrenzende Faktor. Dann helfen ein zweiter Anker, eine Landleine oder ein anderer Ankerplatz mehr als noch mehr Kette.

Ankern, das auch nachts hält

Ein Anker ist kein Gewicht, das ein Boot festhält. Er ist ein Haken, der sich in den Grund eingräbt – und das tut er nur, wenn die Kette flach an ihm zieht. Zieht sie nach oben, bricht er aus. Der gesamte Sinn des Kettenvorlaufs besteht darin, diesen Winkel flach zu halten.

Die Kettenlinie arbeitet für Sie: Kette hängt unter ihrem Eigengewicht in einer Kurve durch. Bei Zug muss dieser Durchhang erst gestreckt werden, was Energie schluckt und Böen abfedert. Eine Leine hat diesen Effekt kaum – sie steht fast gerade und überträgt jeden Ruck direkt auf den Anker.

Gerechnet wird ab der Ankerrolle: Nicht die Wassertiefe zählt, sondern der Abstand von der Bugrolle bis zum Grund. Einzutragen ist deren Höhe über Wasser – nicht der Freibord, denn die Rolle sitzt über Deck. Bei einem Meter Rollenhöhe und fünf Metern Wasser sind das sechs Meter, mit Faktor fünf also 30 statt 25 Meter Kette.

Tide immer für Hochwasser rechnen: Wer bei Niedrigwasser ankert und den Hub vergisst, liegt sechs Stunden später mit deutlich zu kurzem Vorlauf da – meist genau dann, wenn niemand wach ist. Einzutragen ist der erwartete Anstieg bis zum nächsten Hochwasser, nicht zwingend der volle Tidenhub: Nur wer genau bei Niedrigwasser ankert, sind beide gleich.Törnplanung gegen aktuelle Pegel

Der Schwojkreis gehört zur Planung: Dreht der Wind, wandert das Boot um seinen Anker. Der Radius ist der gesteckte Vorlauf plus Bootslänge – bei 30 Metern Kette und acht Metern Boot fast 40 Meter. Dieser ganze Kreis muss frei sein, auch von Booten, die kürzeren Vorlauf gesteckt haben und deshalb anders schwojen.

Eingraben statt fallen lassen: Der Anker wird nicht geworfen, sondern gefiert, während das Boot langsam rückwärts treibt. Erst dann mit der Maschine sanft eindampfen und prüfen, ob er hält. Ein Anker, der nur auf dem Grund liegt, hält bei der ersten Bö nicht.